Ein Brand durch Mäusegift

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An einem heißen Tag im Hochsommer wurde ich zur Klärung einer Brandursache an einem Wohnhaus beordert. In den frühen Vormittagsstunden des Vortages war die Freiwillige Feuerwehr an einem älteren Fachwerkhaus oberhalb des Dorfes zum Einsatz gebracht worden, da sich ein Brand von einem Zimmer im Erdgeschoss bis hoch zum Dachstuhl ausgebreitet hatte.

Am Brandort eingetroffen, stieß ich auf ein älteres, sehr verstörtes Rentner-Ehepaar, das vor den Trümmern seines Lebenswerkes stand. Viele Jahre waren die beiden mit dem Ausbau und der Verschönerung ihres alten Fachwerkhauses beschäftigt und hatten ihr gesamtes Vermögen darin investiert.

Auf meine Befragung hin teilten mir die Geschädigten mit, dass sie gerade in der neuen Küche des Obergeschosses gefrühstückt haben, als sie plötzlich Brandgeruch wahrnahmen. Angsterfüllt rannte die Ehefrau, die schon angezogen war, die Treppe herunter und zur Feuerwehrsirene im Dorf. Aber leider wusste dies ihr Ehemann nicht, der noch schnell in seine Hosen schlüpfte. Er eilte indes hinunter ins Erdgeschoss, wo er den schon dichten Qualm aus den Ritzen der ehemaligen Küche dringen sah. In der Hektik vermutete er, dass sich seine Frau in dem Brandraum befand, um zu löschen. Sein Denkfehler wurde ihm sehr schnell zum Verhängnis, denn als er die dortige Tür öffnete, gab es einen Flashover, das heißt, eine riesige Stichflamme mit Druckwirkung schlug ihm mit voller Wucht frontal entgegen, wobei es ihn aus den Schlappen fegte und auf den Boden riss. Dabei zog er sich am Oberkörper heftige Verbrennungen zu. Geschockt und unter Todesangst rettete er sich zurück ins Obergeschoss, von wo er sich, wie ein Artist, mit zusammengeknüpften Bettlaken abseilte.
Tragischerweise verzögerte sich auch noch der Einsatz der Feuerwehr, da sich die Retter für den umfassenden Löschangriff auch noch eine Ringleitung gebaut hatten (eine Art Kurzschluss, nur mit Wasser). Das bedeutet, sie hatten kurzzeitig kein Wasser am Strahlrohr.
In Windeseile hatten die Flammen jedoch schon vom Ober-, sowie dem Dachgeschoss Besitz ergriffen, sodass ein Totalschaden vorprogrammiert war.

Abbildung 31: In diesem alten Fachwerkhaus, welches innen schon saniert war, brach der Brand im Erdgeschoss aus und bahnte sich den Weg ins Dachgeschoss. Es wurde später abgerissen.
Foto: Ralf Staufenbiel


Der eingezeichnete Brandtrichter führte in die alte Küche der Familie im Erdgeschoss. Auf der gegenüberliegenden Hofseite waren die Brandschäden noch intensiver.


Was den Wasserschaden betrifft, kann man sich bei einer Lehmbauweise wohl leicht vorstellen. Soweit die Vorgeschichte.
Bei der ersten Sichtung der ehemaligen Küche, war die Brandausbruchsstelle gleich anhand eines Brandtrichters im Bereich einer Wandverkleidung und unterhalb eines Fensters sowie an einem Abfallbehälter zu finden.
Aber wie kam es zu dieser Tragödie? Dort befanden sich nicht einmal Elektrokabel. Schnell kam mir der Gedanke an glühende Zigarettenreste oder an Selbstentzündungsprozesse innerhalb des Abfalleimers. Immerhin war der Herr des Hauses Heimwerker und hatte alles im Haus neu gestrichen! Hatte er eventuell ölige Lappen entsorgt, die sich nachweislich schnell bei hohen Außentemperaturen entzünden können?

Abbildung 32: Brandausbruchsbereich unterhalb des Küchenfensters. Linksseitig befindet sich eine Küchenzeile und rechts ein Persileimer aus Pappe, der für Abfall vorgesehen war. Der Pfeil zeigt eine Schräge am Sperrholz, der den Weg zur Zündquelle weist. Man nennt diese Spur „Brandtrichter“. Im Tiefpunkt eines Trichters liegt meist das Geheimnis, aber hier lag nicht mal ein Elektrokabel! Den Brandtrichter sieht man auch am Papierkorb (Pfeile).
Foto: Ralf Staufenbiel

Aber das Ehepaar konnte diese Verdachtsmomente in einem Nachfolgegespräch schnell entkräften, denn der Raum war nachweislich stromfrei und wurde seit der Neueinrichtung der Küche vor einem Monat nicht mehr betreten.
Nach kurzzeitiger Ratlosigkeit beräumte ich die Küchenzeile, die in einem Abstand von 5 cm von der Fensterwand stand. Dabei fand ich innerhalb des Schrankes Mäuseköttel und im Spalt zwischen Schrank und Wand verbrannte Stoffe, die auf Hausratreste hinwiesen (also alles was sich über die Jahre hinweg in den Ritzen ansammelt). Hier könnte auch eine Kippe hinein gefallen sein, aber der Hauseigentümer und seine Frau waren ja Nichtraucher und ein Einbruch mit Brandlegung konnte ebenso ausgeschlossen werden.
„Liegt hier vielleicht ein Versicherungsbetrug vor?“, waren die nächsten Gedanken eines anwesenden Kollegen vom Polizeirevier Wernigerode!

In einem schon fast haarsträubenden Gespräch erzählte der Betroffene dann, dass er nur Mäusegift in die Ritze hinter dem Schrank gestreut habe und auch ein wenig davor. Auf die Frage, ob er von diesem Gift noch über einen Vorrat verfügen würde, was er jedoch verneinte, meinte er nachdenklich: „Meine Nachbarin könnte möglicherweise noch etwas haben, denn auch sie hatte dieses Gift von dem gleichen Straßenhändler erworben.“ Dieser verkaufte es höchstwahrscheinlich illegal. Schnell war auch sie befragt und brachte aus ihrer Reserve eine kleine Originalverpackung zum Brandort.

Abbildung 33: Hofseite des Hauses mit Abbranderscheinungen an der Fassade und den Fenstern. Der Brand brach hinter dem rechten Fenster aus. Auch hier sieht man einen schwachen Brandtrichter.
Foto: Ralf Staufenbiel

Schon beim Lesen der Rückseite kam der Verdacht einer Selbstentzündung des Giftes auf, denn die orangefarbenen Kreuze, Totenkopf und der Hinweis auf Selbstentzündlichkeit beim Kontakt mit Feuchtigkeit sprachen Bände.
Das letzte Gespräch mit dem Geschädigten und die Sichtung der Fensterstellung erbrachten ein bisher nicht vorgekommenes Ermittlungsergebnis. Die Witterungslage von stellenweise bis zu 38°C über mehrere Tage hinweg, ein Wolkenbruch am Vorabend in Form eines Schlagregens und ein angekipptes Fenster im Küchenbereich waren die unvorhersehbaren Komponenten für eine Selbstentzündung der bisher unbekannten Art.
Man sollte es nicht für möglich halten! Offensichtlich lief etwas Regenwasser von der inneren Fensterbank in die Nische, wo das Mäusegift lag. Das Gift Zinkphosphid, auf der Basis von Phosphin in Verbindung mit Feuchtigkeit und dem Kontakt mit brennbarem Hausmüll (Essensreste) entzündete sich also spontan und wurde durch die ausreichende Sauerstoffzufuhr begünstigt. Wer hätte dies wohl im Vorfeld unserer Untersuchungen gedacht?
Die anschließende Untersuchung im Landeskriminalamt bestätigte den Verdacht.
Nachforschungen erbrachten weitere kritische Hinweise zu Diphosphin, denn in der Schweiz mussten zum Beispiel 9 Feuerwehrmänner mit Vergiftungserscheinungen in Krankenhäusern behandelt werden, weil sie das Phosphin-Gas in einem Keller eingeatmet hatten. Der Hausmeister eines Kindergartens hatte gleichartiges Mäusegift im Keller ausgelegt, was ebenfalls zu fatalen Folgen hätte führen können!
Normalerweise ist die Anwendung so geplant, dass das Gift in die Mäusegänge eingebracht werden soll, wo es mit der Bodenfeuchtigkeit reagiert. Das Gas zieht in Folge, da es schwerer ist als die Luft, nach unten in die Laufgänge und vergiftet so die dort ansässigen Schadnager. Zum anderen soll das Gift mit der Magensäure der Mäuse reagieren und Phosphorwasserstoff frei setzen. Der Tod erfolgt dann durch ein Hirnödem usw.
In diesem Fall stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen fahrlässiger Brandstiftung ein und die Versicherung bezahlte dem betroffenen Rentner-Ehepaar daraufhin ein neues, kleines Fertighaus.
Als wären die beiden vom Leid Geplagten aber noch nicht genug gestraft, verunglückte leider der Ehemann beim Bauen an diesem neuen Haus so schwer, dass ihm infolge dessen ein Fuß abgenommen werden musste.


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